Friedrich Dürrenmatt -
Tragödie und Komödie (1955)
Doch die Aufgabe der Kunst,
soweit sie überhaupt eine Aufgabe haben kann, und somit die Aufgabe
der heutigen Dramatik ist, Gestalt, Konkretes zu schaffen. Dies vermag
vor allem die Komödie. Die Tragödie, als die gestrengste Kunstgattung,
setzt eine gestaltete Welt voraus. Die Komödie ... eine ungestaltete,
im Werden, im Umsturz begriffene, eine Welt, die am Zusammenpacken ist
wie die unsrige. Die Tragödie überwindet die Distanz. Die Komödie
schafft Distanz, ...
Die Tragödie setzt
Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei
unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es
keine Schuldigen und keine Verantwortung mehr. Schuld gibt es nur noch
als persönliche Leistung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch
die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt
wie zur Atombombe ...
Doch ist das Tragische immer
noch möglich, auch wenn die reine Tragödie nicht mehr möglich
ist. Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen,
hervorbringen als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden
Abgrund, so sind ja schon viele Tragödien Shakespeares Komödien,
aus denen das Tragische heraus aufsteigt. Nun liegt der Schluß nahe,
die Komödie sei der Ausdruck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluß
nicht zwingend. Gewiß, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser
Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge
dieser Welt, sondern eine Antwort, die er auf diese Welt gibt, und eine
andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Entschluß etwa,
die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen.
Die Geschenkidee: Antworten, bevor Schüler fragen!