Die Kyffhäusersage
- Ein Beispiel für die Mittelalterrezeption im wilhelminischen Deutschland
HS MA-Rezept. i. d. 2. Hälfte
des 19. Jh., SS 1993, Prof. Cramer, TU Berlin
Gliederung
Kapitel 1 Einleitung 2 Die Friedrichssage
und ihre historische Entstehung 2.1 Friedrich I. 2.2 Friedrich II. 2.3 Die Sehnsucht
nach einem Friedenskaiser 3 Die Kyffhäusersage
im 19. Jahrhundert 3.1 Verbindung der
Barbarossasage mit der Kyffhäusersage 3.2 Die Entwicklung
zur deutschen Volkssage 3.3 Die Jahre nach
1871 3.4 Die Gegenbewegung
Anhang 4 Verzeichnis der
benutzten Quellen und Hilfsmittel
Man hat längst
bemerkt: Je undeutlicher die Begriffe sind, die man von der Größe
eines Mannes hat, desto mehr wirken sie auf das Blut und desto enthusiastischer
wird die Bewunderung.
Georg Christoph
Lichtenberg
1 Einleitung
Wer schläft im Kyffhäuser?
Wir alle wissen es: Es ist Barbarossa (,,Rotbart"). Viele wissen weiterhin,
dass es sich dabei um einen Spitznamen für den Stauferkaiser Friedrich
I. handelt. Warum aber gerade dieser Kaiser (die Staufer sind Süddeutsche)
nun in einem Thüringischen Bergrücken am Rande des Harzes sitzen
soll, wo er auf den Tag wartet, an dem er Deutschland zur Einheit und zum
Sieg führen soll, ist nur wenigen Zeitgenossen bekannt und soll Thema
dieser Hausarbeit sein. Besonders berücksichtigt wird die Hochblüte
der Stauferdichtung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter
dem Blickwinkel eines Beispiels für Mittelalterrezeption im wilhelminischen
Deutschland (im zwanzigsten Jahrhundert wird die Zeit bis 1915 mit einbezogen).
Neben den historischen Grundlagen
wird auf die Entstehung der regionalen und gesamtdeutschen Sage vom wiedergekehrten
Erretterkaiser ,,Friedrich" Bezug genommen, um den nachhaltigen Erfolg
des Sagenstoffes im Deutschen Reich des 19. Jahrhunderts zu erklären,
der unter anderem die Errichtung eines nationalen Monumentes auf den Resten
der alten Kyffhäuserburg zur Folge hatte
1.
Abschließend wird
die bereits 1844 einsetzende Gegenbewegung (Heine u. a.) betrachtet, deren
Autoren, von ihrem eher fortschrittlichen und weniger restaurativ-antidemokratischen
Weltbild geleitet, dem Babarossa-Mythos vor allem mit ironisch-kritischen
Beiträgen und Darstellungen Aufmerksamkeit zollten.
Die - zweifellos interessante
- Rezeption der Kyffhäuserlegende im Dritten Reich ist nicht Gegenstand
dieser Hausarbeit.
2 Die Friedrichssage und
ihre historische Entstehung
Und ihm ward
gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm
ward gegeben Macht über alle Geschlechter und Sprachen und Heiden.
Die Offenbarung
des Johannes 13, Vers 7
2.1 Friedrich I.
Im Jahre 1189 brechen 350.000
Mann auf, um Jerusalem von der Herrschaft Sultan Saldins zu befreien. Nur
280.000 erreichen das Heilige Land.
Neben Philipp II. August
von Frankreich und Richard von England (Beiname: Löwenherz)
einer der Anführer, erlebt der 68-jährige deutsche Kaiser, Friedrich
I., genannt ,,Barbarossa" (Rotbart), den Ausgang des dritten
Kreuzzuges nicht mehr, der 1192 mit dem Ergebnis der vertraglichen Zusicherung
eines freien Zugangs zur Heiligen Stadt endet. Er ertrinkt am 10. Juni
1190 nach einer Mahlzeit beim Schwimmen im anatolischen Fluss Kalykadnus
(Saleph). Sein Sohn, Herzog Friedrich von Schwaben, führt einen Teil
des Heeres noch bis vor Akkon, wo auch er 1191 stirbt.
Friedrich I., dessen Machtgrundlage
im Wesentlichen auf seinen staufischen Hausgütern, seinem Reichsgut
und dem Umstand beruhte, dass er 1156 Beatrix, die Erbin von Hochburgund
(Arelat) heiratete, hatte in sechs Italienzügen zwischen 1154 und
1186 zuletzt eher unglücklich agiert. Im fünften Italienzug (1174-78)
verweigert ihm Heinrich der Löwe die Gefolgschaft, wofür dieser
1180 geächtet wird.
Durch ein Schisma regieren
zeitweilig zwei Päpste (Alexander III. und Viktor IV.) nebeneinander.
Friedrich I. gelingt es 1177, sich mit Alexander III. auszusöhnen.
Im Jahr 1186 verbündet sich Papst Urban III. (1185-87) mit der norddeutschen
Fürstenopposition, 1187 schließen Friedrich und Philipp II.
August von Frankreich ein Bündnis; fortan stehen die Staufer und Capetinger
den Welfen und Anjous gegenüber. Auf dem Reichstag zu Worms 1188 nimmt
Friedrich dann das Kreuz.
Bis zu diesem Zeitpunkt deutet
noch nichts darauf hin, dass eine Legendenbildung um den auf dem Kreuzzug
verstorbenen Kaiser einsetzen könnte, in deren Folge er in ein einem
thüringischen Berg auf die Einheit des Reiches warten würde.
Dafür bedurfte es noch eines weiteren Kaisers Friedrich, von dem das
nächste Kapitel handelt.
2.2 2.2 Friedrich II.
Auch die Geschichte Friedrichs
II. (1194-1250) beginnt mit einem Kreuzzug, dem fünften (1228-29),
auf dem sich der König von Sizilien und Kaiser des Heiligen Römischen
Reiches zum König von Jerusalem krönt und durch den er seine
volle Macht trotz päpstlichen Bannes wiedergewinnt. Am 10. April 1229
kehrt Friedrich II. ins Reich zurück und landet in Brindisi. Seit
dem Tode Friedrichs I. auf dem 3. Kreuzzug sind fast vierzig Jahre vergangen.
Im Gegensatz zu seinem Großvater,
der sich in einer unglücklichen Italienpolitik verzettelte, gilt Friedrich
II. der Nachwelt als ,,strahlend-geniale Persönlichkeit" (Graus 1975,
S. 339) und als ,,der erste moderne Mensch auf dem Throne" (Jacob Burckhardt2).
Schon als Zweijähriger
war Friedrich im Dezember 1196 in Frankfurt am Main von deutschen Fürsten
zum König gewählt worden. Das verwaiste Kind von Heinrich VI.
wächst am sizilianischen Hof in einer arabisch-jüdisch-byzantinisch-normannischen
Mischkultur auf. Der minderjährige König verzichtet in Deutschland
zunächst auf wichtige Königsrechte; sprachgelehrt diskutiert
er an seinem Hof mit arabischen und jüdischen Gelehrten in ihren Muttersprachen,
er interessiert sich für Architektur und erschafft eine jahrhundertelang
vorbildliche Staatsverwaltung. Friedrich II. entwirft im Laufe seines Lebens
eigenhändig ,,an die zweihundert Kastelle, Lustschlösser und
Jagdhäuser auf Sizilien, in Kalabrien, im Elsaß und den Triumphbogen
von Capua"3. Seinem Wissensdurst scheinen
keine Grenzen gesetzt zu sein: Er legt einen Zoo mit exotischen Tieren
an, in dem er ihr Verhalten studieren kann, züchtet Falken und schreibt
darüber ein Buch, das er selbst illustriert. Neben einer Korrespondenz
mit Wissenschaftlern, Philosophen, Sultanen und Emiren führt er -
aus heutiger Sicht unethische - Experimente durch, die noch von mittelalterlichen
Exzessen Zeugnis ablegen:
Um eine vermutete ,,Ursprache"der Menschen - der Kaiser vermutet Hebräisch, Arabisch oder Griechisch
- zu entdecken, müssen Kleinkinder, die ihren Müttern weggenommen
werden, sterben (am so genannten Hospitalismus, wie wir heute wissen).
Ein Mann wird lebend in ein
Fass eingeschlossen, um zu erfahren, ob seine Seele beim Tod entweichen
würde.
Um die unterschiedliche Verdauung
nach Ruhe und Bewegung zu erforschen, müssen zwei Männer ihr
Leben lassen, denen der Bauch aufgeschnitten wird.
Der Kaiser bricht im August
1227 zum 5. Kreuzzug auf, kehrt wegen einer Krankheit jedoch um und wird
daraufhin von Papst Gregor IX. gebannt, der ihn als ,,König der Pestilenz"bezeichnet4. Im Juni 1228 macht sich
Friedrich II. mit 70.000 Männern trotz Bannes erneut auf den Weg nach
Jerusalem - diesmal erfolgreich. Der Kaiser finanziert das Kreuzzugsheer
und trägt die alleinige Verantwortung. Im Jahr 1230 söhnt er
sich zunächst mit dem Papst aus - die Eintracht währt 15 Jahre,
bis Friedrich II., auf dem Gipfel der politischen Machtprobe zwischen Reich
und Kirchenstaat, mit Papst Innozenz IV., Nachfolger Gregors IX., in Streit
gerät, der ihn am 12. Juli 1245 auf dem Konzil von Lyon für abgesetzt
erklärt. Friedrich ist überzeugt, lediglich einen politischen
- keinen religiösen - Kampf verloren zu haben und beteuert immer wieder
seine Rechtgläubigkeit.
Als eine solchermaßen
umstrittene Persönlichkeit wurde der Kaiser von Anhängern und
Gegnern schon zu Lebzeiten in eschatologische Zusammenhänge eingereiht5.
Der süditalienische
Abt Joachim von Fiore teilte die Geschichte in drei Perioden ein, in der
drei Reiche herrschen:
Erstes Reich (des Gottvaters
und Alten Testaments),
Zweites Reich (des Sohnes und
des Evangeliums) und das
Drittes Reich (des Heiligen
Geistes, eine Art Paradies, in dem Friede, Gerchtigkeit, Freiheit und Liebe
herrschen würden, das ,,Goldene Zeitalter"6).
Das Dritte Reich wurde für
die Zeit zwischen 1200 und 1260 vorausgesagt, Joachim selbst starb 1202.
Für ihn hatte kein Zweifel bestanden, dass Friedrich II. der Antichrist
war.
Dieser blieb bis zu seinem
Tod im Fieber am 13.12.1250 unbesiegt, die Joachimiten verschoben den Beginn
des Goldenen Zeitalters auf das Jahr 1260 (wobei sie alsbald die Erben
Friedrichs als ,,satanische Verfolgerkaiser" werteten), und als sich auch
in der Folgezeit die Prophezeiung Joachims nicht erfüllte, verloren
sie nach und nach an Bedeutung. Joachims geschichtsutopische Visionen waren
zwar eher poetisch als politisch präzise gewesen, hatten aber die
Dominikaner und Franziskaner, die um 1220 spontan als Bettelorden entstanden
waren, nachhaltig beeinflusst.
Mit dem Tod Friedrichs II.
hatte in Deutschland eine Zeit der Rechtlosigkeit begonnen, die erst mit
der Wahl Rudolfs von Habsburg 1273 ein Ende fand. Der desolate Zustand
des Reiches schürte die Sehnsucht nach einem übermächtigen,
gerechten Herrscher, der die Gesellschaftsordnung umstürzen und ein
Zeitalter des Friedens einläuten würde.
2.3 Die Sehnsucht nach
einem Friedenskaiser
Obgleich Friedrich II. in
der unmittelbaren Geschichtsauffassung zunächst negativ gewertet wurde,
veränderte sich sein Bild schon bald zu dem eines Friedens- und Erlöserkaisers,
von dem seine Anhänger annahmen, er halte sich nur versteckt, um bei
Gelegenheit wieder zu erscheinen. Zunächst hatte die Vorstellung vom
toten Friedrich als ,,Gottesleugner", ,,Ketzerkaiser", ja gar Antichristen7,
überwogen. Dies war aber nicht unbedingt etwas Neues, auch andere
Herrscher waren bereits so tituliert worden, z. B. zur Zeit des ersten
Kreuzzuges Kaiser Heinrich IV., manche betrachteten sich auch selbst als
Endzeitherrscher und initiierten Massaker, meistens an Juden, z. B. Graf
Emicho von Leiningen (1096)8 .
Auch Feindschaft gegenüber
dem Klerus war im Mittelalter keine Seltenheit und findet sich sowohl in
den Unterschichten9 wie auch in den
Kreisen der intellektuellen und politischen Eliten. Das Verlangen nach
Eintracht und Stabilität bei gleichzeitiger Unzufriedenheit über
den Reichtum des Klerus sowie die Pfründenmisswirtschaft und Geldgier
der Kirche bewirkte eine andere - dauerhaft positive - Wertung Friedrichs.
Der Kaiser ,,durfte" folglich nicht gestorben sein, sondern musste verborgen
weiterleben. Sein ungeliebter Nachfolger, Rudolf von Habsburg, wurde schon
zu Lebzeiten als ,,Pfaffenkönig"10geschmäht.
Aus einem Orakel, das der
Erythräischen Sibylle zugeschrieben wird und besagt, der Kaiser lebe
und lebe doch gleichzeitig nicht (,,Vivit et non vivit")11,
leitete sich die ursprüngliche Vorstellung ab, der Kaiser sei nicht
gestorben, sondern wandere als Pilger umher (in Varianten hieß es,
er sei in den Ätna hinabgestiegen oder übers Meer gefahren).
Sinngemäß soll es im Orakel allerdings geheißen haben,
Friedrich sei zwar tot, doch lebe er in seinen Söhnen und Enkeln fort.
In der Folgezeit finden
sich zahlreiche Beispiele von Hochstaplern und Scharlatanen, die sich als
wiedergekehrte Friedriche ausgeben. Aker (1990, S. 37 f.) und Graus (1975,
S. 340) nennen das Beispiel eines 1261 in Sizilien und 1284/85 im Reich
auftretenden falschen Friedrichs (Dietrich Holzschuh alias Tile Kolup),
der zeitweilig in Neuß regelrecht Hof hielt und regen Zustrom von
Anhängern hatte. Er endete am 7. Juli 1285 auf dem Scheiterhaufen12.
Zum hundertsten Todestag
Friedrichs 1350 belebten sich die Gerüchte um eine Wiederkehr des
Kaisers erneut, wie der Minorit Johannes von Winterthur zu berichten wusste,
der erklärter Gegner des ,,Ketzerkaisers" gewesen war und die Gerüchte
allesamt für Aberglauben hielt13.
Eine weitere Sibylle, die
,,Tiburtinische", übte einen starken Einfluss auf das öffentliche
Denken aus. Um 1320 kündigte ein vierstrophiges Sibyllenlied von einem
großen Unglück und der Rückeroberung des Heiligen Landes
durch einen Erretterkaiser ,,F", der ein Reich des Friedens schaffen werde.14
In jener Zeit wurde Europa
auf das furchtbarste von der Pest heimgesucht, der jeder dritte Mensch
zum Opfer fiel. Erd- und Seebeben taten ein Übriges, um die messianische
Prophetie und den Glauben an den nahen Untergang der Welt zu beleben. Nicht
selten wurden die Endzeitpropheten selbst mit dem ersehnten Friedenskaiser
identifiziert, so z. B. der Führer der Geißlerbewegung in Thüringen,
Konrad Schmid, oder über hundert Jahre nach ihm (1476) der ,,Pfeifer
von Niklashausen", Hans Beheim. Beide wurden gleichfalls auf dem Scheiterhaufen
verbrannt.
Auf jeden neuen Herrscher
wurde die Erwartung gerichtet, er möge der Friedenskaiser sein, besonders,
wenn er Friedrich hieß (z. B. Friedrich III.) - nicht zuletzt wegen
der volksetymologischen Verbindung des Namens Friedrich mit ,,Frieden"15
-, und von beinahe allen Herrschern wandte man sich enttäuscht ihren
Erben zu. So ging es über Jahrhunderte.
Die Vorstellung vom Friedenskaiser
namen Friedrich findet sich sogar noch im 18. Jahrhundert in Preußen,
trägt allerdings schon leicht groteske Züge.
Ein Dokumentenfund im säkularisierten
brandenburgischen Zisterzienserkloster Lehnin Ende des 17. Jahrhunderts
kündete von einem kommenden Friedrich von Preußen in der Tradition
Friedrichs II., der den französischen König Ludovicus für
immer schlagen werde. Die Prophezeihungen wurden zunächst auf das
Kind Friedrichs I. von Preußen angewandt, das aber 1708 schon nach
wenigen Monaten starb, später dann auf Friedrich den Großen
- einen aufgeklärten Herrscher, der bekanntermaßen das Französische
so sehr schätzte, dass an seinem Hof Deutsch zu sprechen als unfein
empfunden wurde.
3 Die Kyffhäusersage
im 19. Jahrhundert
Und es mag
am deutschen Wesen
Einmal noch
die Welt genesen.
Emanuel Geibel,
Heroldsrufe
3.1 Verbindung der Barbarossasage
mit der Kyffhäusersage
Das Kyffhäusergebirge
befindet sich südlich des Unterharzes zwischen den Ortschaften Nordhausen,
Sondershausen, Sangershausen, Tilleda und Bad Frankenhausen. Landkarten
künden heute von vier Sehenswürdigkeiten: dem Panoramabild16des
Bauernaufstandes von 1525, der Burg Kyffhausen, der Rothenburg (Abb. 1),
der Barbarossahöhle (Abb. 2) und dem Kyffhäuserdenkmal (Abb.
3). Der Name Kyffhäuser leitet sich von ,,Kouf house" ab (etwa mit
,,Handelshausen" übersetzbar), und nicht, wie stellenweise fälschlich
behauptet, vom lateinischen ,,mons confusionis" (,,Berg der Verwirrung").
Dass die Walpurgisnacht
auf dem Harz-Brocken stattfindet, ist bekannt. Weshalb dem Kyffhäusergebirge
ein ähnlicher, von Mythen geprägter Ruf anhängt, erschließt
sich über die nähere Betrachtung einer regionalen Sage, die mit
den Legenden von der Rückkehr eines Kaiser Friedrichs verknüpft
wurde.
Schon in der ,,Thüringischen
Chronik" des Johann Rothe aus dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts
ist davon im Nachtrag zur Erzählung vom ,,falschen Friedrich" des
Jahres 1261 die Rede, dass der Kaiser neben anderen ,,wüsten Orten"im Reich vor allem in der verfallenen Kyffhäuserburg gesichtet werde17.
Dort wandere ,,der Ketzer" herum ,,zu Kyffhusen yn Doringen uf dem wusten
slosse unde ouch uf anderen wusten burgen die zu dem reiche gehoren, unde
rede mit den lewten und lasse sich zu gezeiten sehin".
Nachdem er neben anderen
Orten vor allem auf dem Berg zu finden sein soll, wird Friedrich
dann von einer Flugschrift des Jahres 1537 in ihn hineinversetzt.
Abb. 1: Die Rothenburg
im Kyffhäuser (links). Eigene Aufnahme von 1991. Bei den Adlerplastiken
handelt es sich um nachträgliche Ausschmückungen.
Abb. 2: Die Barbarossahöhle
im Kyffhäuser (rechts, Postkarte).
Ein Bauernaufstand ,,verband
sich (...) mit dem Glauben an den guten und gerechten König"18,
als sich 1525 aufständische Bauern am Fuße des Kyffhäusers
sammelten.
Dass eine feste Lokalisierung
der Sage allmählich stattgefunden hatte, zeigt sich beispielweise
daran, dass ein 1546 in den Ruinen des Kyffhäusers aufgestöberter
,,wahnsinniger Schneider" vom Volk prompt für den Kaiser gehalten
wurde.
Im 16. Jahrhundert finden
zwei Vorgänge statt, die die weitere Entwicklung der Sage entscheidend
beeinflussen:
1. Die Erzählung vom
König im Berge wird zur ,,typisierten Sagenform".
2. Als historische Figur,
auf die in der Sage Bezug genommen wird, weicht Friedrich II. (,,der Ketzer")
seinem Großvater, Friedrich I. (,,Barbarossa").
Auch Karl der Große
wurde zeitweise in Bergen des deutschsprachigen Raumes angesiedelt (er
lebt im Unterberg bei Salzburg), konnte sich aber nicht als überdauernde
Sagengestalt durchsetzen. Es kann vermutet werden, dass nur die unglaublich
wirkungsvolle Ausstrahlung des Namens Friedrich (mit ihrem Anklang an das
Wort ,,Frieden") dies bewirken konnte.
Nun konnten Ausschmückungen
der Sage sowie die Verklärung und Glorifizierung ihrer zentralen Figur
einsetzen, da drei wesentliche Bedingungen erfüllt waren:
1. Ein kurioses Detail -
ein roter Bart - macht die Sagengestalt für den Rezipienten lebendig
und einprägsam.
2. Der Name der Figur ist
zugleich Name eines Programms bzw. einer Utopie (,,Frieden").
3. Die Umgebung, in der
die Sagengestalt agiert, beflügelt die Fantasie.
Letztere Bedingung wird
durch die Geschichten des Harzes und die außergewöhnlich umfangreiche
Burganlage der Kyffhäuserburg geradezu ,,übererfüllt":
Die über der Pfalz
Tilleda gelegene alte Reichsburg war 1118 - noch vor Barbarossas Geburt
- von Herzog Lothar von Süpplingenburg zerstört worden. Sie wurde
in der Folgezeit zu einer aus Mittel-, Ober- und Unterburg bestehenden,
600 m langen (!) Anlage ausgebaut. Später herrschten dort die Grafen
von Rothenburg und im frühen 13. Jahrhundert die Grafen von Beichlingen.
Das Lexikon des Mittelalters19
führt die außerordentlichen Dimensionen der Burganlage als Grund
dafür an, dass sich die ,,Wunschvorstellungen im Volke nach der Wiederkehr
Friedrichs II." an dieser Stelle lokalisierten.
3.2 Die Entwicklung
zur deutschen Volkssage
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts,
noch bevor sich die Friedrichslegende zur deutschen Volkssage entwickeln
konnte, erschuf Clemens Brentano eine - fiktive - Gestalt, die auch heute
noch mit einem Berg bzw. Felsen in Verbindung gebracht wird: die Loreley.
Im Gegensatz zum Barabarossamythos
basiert die Erzählung Brentanos nicht auf einer historischen
Gestalt, an deren tatsächlicher Sagenquelle heute jedoch kaum jemand
zweifelt.
Der Heidelberger Professor
und spätere Herausgeber des antinapoleonischen ,,Rheinischen Merkur",
Joseph Görres, verehrte offensichtlich den Schöpfer dieser Fabelgestalt,
an den er sich in einer Vorrede seines 1807 erschienenen Bandes von den
,,teutschen Volksbüchern" wendet und ihm darlegt, wie er auf die Lesestoffe
und Lebensweisheiten vergangener Zeiten gestoßen sei. Verirrt in
der Natur, sei der Autor von einem Mönch in eine unterirdische Höhle
geführt worden, wo er im Dämmerlicht der dortigen Kapelle Friedrich
Barbarossa erblickt habe, dem sein Bart durch den Tisch gewachsen sei.
Der Staufer wird umgeben
von geschichtlichen wie sagenhaften Gestalten: Hagen von Tronje, Siegfried,
Karl der Große und Heinrich der Löwe.
Der Kaiser habe nun das
Wort an den Schreiber gerichtet und ihn gemahnt, die oberirdische Welt
habe mit dem Leben übel gehaushaltet und müsse nun ,,aus ihren
Taten von neuem Lebensgeist" ihn ziehen lassen20.
Es folgt eine Aufforderung, die ,,teutschen Volksbücher" zu lesen.
Der Effekt einer Popularisierung
des Sagenstoffes, in deren Folge sich die Barbarossasage von einer thüringischen
Regionalsage zum Nationalmythos des ganzen deutschen Volkes entwickelte,
setzte dann wenige Jahre später ein - mit dem Erscheinen der Sammlung
deutscher Sagen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (1816) sowie
der Veröffentlichung eines Gedichtes von Friedrich Rückert
(1817), das man leicht auswendig lernen konnte21.
Die Brüder Grimm führen als Quelle die ,,Alectrynomantia des
J. Prätorius von 1681" an.
Beide Texte sind ausgesprochen
kurz (der grimmsche Text umfasst neun Sätze) und eröffneten so
die Möglichkeit einer schnellen Verbreitung, etwa im Deutschunterricht.
Rückerts Gedicht bringt
Barbarossa mit der politischen Situation in Verbindung, indem er den Wunsch
nach Einheit des Reiches zum erlösenden Moment des verzauberten Kaisers
deutet:
,,Er hat hinab genommen
Des Reiches Herrlichkeit,
Und wird einst wiederkommen,
Mit ihr, zu seiner Zeit."
Die Historiografie kam der
Entwicklung entgegen: Die ,,Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit"(1823/25) des Berliner Historikers Friedrich von Raumer wurde mehrfach
aufgelegt (5. Auflage 1878), zum zweiten Male bereits 1828/29 - und das
bei immerhin sechs Geschichtsbänden!
Im Jahre 1840 veröffentlicht
Emanuel Geibel22sein Gedicht
,,Friedrich Rotbart", das, in trochaischer Romanzenstrophe abgefasst, die
Rückertsche Fassung durch ausschmückende Details noch übertrifft.
In den beiden letzten Strophen
vertreibt ein Adler (das Wappentier der Hohenzollern) die um den Kyffhäuser
kreisenden Raben:
,,Bis der Adler stolzen Fluges
Um des Berges Gipfel zieht,
Daß vor seines Fittichs
Rauschen
Dort der Rabenschwarm entflieht."
Derselbe Autor macht sich
drei Jahre später in seinem Gedicht ,,Barbarossas Erwachen" das Motiv
zunutze, um seine konservativ-restaurativen politischen Auffassungen und
seine Kritik an den Regungen der Vormärz-Bewegung zu artikulieren:
,,Die schelten und meistern
mit kecken Zungen;
Nichts ist ihnen recht,
Alles soll anders werden
Im Himmel und auf Erden,
Und wer nicht mitschreit
heißt ein Knecht.
Sie möchten das Höchste
zu unterst kehren,
Um selbst zu herrschen nach
eignem Begehren;
Der Glaub' ist ihnen ein
Fastnachtsscherz,
Eine Torheit das Herz."
Der Lübecker Dichter
(1815-1884) wurde in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nicht selten neben
Goethe gestellt23, eine Sammlung seiner
Gedichte war bis zu diesem Zeitpunkt 132 mal (!) aufgelegt worden. Die
Werke künden vor allem vom patriotischen Sinn und restaurativen Selbstbewusstsein
ihres Autors. Geibel sakralisiert politische Funktionen geradezu und propagiert
ein feudal-antidemokratisches Weltbild; in seinen literarischen Produktionen
wimmelt es von sprachlichen Archaismen wie ,,Mark", ,,Panier", ,,Herold"oder ,,Siegspanier", mit denen er allerdings auch das Vokabular seiner
Zeit erfolgreich zu prägen verstand (Auf einigen Ritualgegenständen
der später gegründeten Turnerschaft ,,Hohenstaufia" ist z. B.
zu lesen: ,,Hohenstaufia sei's Panier"). Aus heutiger Sicht wird er von
vielen Autoren eher als epigonal belächelt24,
doch führte seine Trivialisierungsstrategie unter anderem dazu, dass
viele seiner Zeitgenossen und Dichterkollegen ebenfalls zu literarischem
Schaffen ermuntert wurden und in der Folgezeit eine Unmenge an Stauferdramen
schrieben, so Ernst Raupsch, der allein 16 solcher Stücke fabrizierte,
oder Wilhelm Waiblinger, der genausoviele ,,im Sinne hatte"25.
Auch in der Revolution von
1848 bemüht man das Bild von ,,Barbarossas Erwachen": Bei einer Feier
patriotischer Thüringer wird und ein gleichnamiges Gedicht vorgetragen,
in dem der Kaiser die Revolution bejubelt, und die schwarz-rot-goldenen
Flagge gehisst.
Es ist bemerkenswert, dass
auch in diesem Gedicht die Kyffhäuser-Raben von einem ,,Aar" (gehoben
für ,,Adler") abgelöst werden:
,,Schon bin ich bei dem Flügelschlagen
Des jungen Sänger-Aars
erwacht;
Um meinen Thron beginnt's
zu tagen,
Frisch auf! vorüber
ist die Nacht"26
Der Kyffhäuser war endgültig
ein ,,Hort des deutschen Wesens"27
geworden und Barbarossa ein Symbol, das aus dem Zeitgeschehen nicht mehr
wegzudenken war. Als der preußische König die ihm angebotene
Kaiserkrone ausschlug, entstanden umgehend Barbarossa-Karikaturen, in denen
der Staufer die Hände über dem geschmähten Herrscher zusammenschlägt.
Kommentierende Lyrik, wie beispielsweise der folgende Reim, drückte
die Verzweiflung vieler Zeitgenossen aus:
,,Nein! und nein! und aber
nein!
Nein! Kyffhäusers Fels
wird springen,
Durch die Lande wird es
klingen:
Frankfurt holt den Kaiser
ein."28
Die Verbitterung der deutschen
Demokraten spiegelt sich auch in den Strophen des heimatlosen Exilschwaben
Georg Herwegh wider, der schreibt:
,,Wie kommt's, daß
man zu Königsgrätz
Dich Kaiser nicht zu Roß
sah?
Von Moltke hört' ich
und von Rheetz,
Doch nichts von Barbarossa."
Herwegh kommt zum dem Schluß:
,,Ich will mir einen neuen
Herrn
Statt meines alten kaufen;
Zum Kaiser hab' ich grad
so gern
Die Zollern wie die Staufen."29
3.3 Die Jahre nach
1871
Nach der Reichsgründung
1871 scheint es in Deutschland nur ein Ziel zu geben: die ,,Empordichtung"zu einem neuen Heldenmythos durch eine Unzahl von ,,Kyffhäuserdeutschen",
wie sie Heinrich von Treitschke Jahre zuvor verächtlich getauft
hatte30.
- Felix Dahn setzt
Wilhelm I. ein dichterisches Denkmal als ,,Barbablanca"31
(,,Weißbart") und stellt den Kaiser so mit Friedrich I. auf eine
Stufe (in seinem ,,Lied der Ghibellinen" hatte derselbe Autor noch den
kirchenpolitischen Kampf Friedrichs II. wieder aufgenommen: ,,Wir schließen
keinen Frieden nicht/Mit Pfaff' und Pfaffenknechten"32).
- Ein Karl Jacobi
kabelt ans Hauptquartier in Versailles die folgende Strophe:
,,Der Weltkreis staunt;
nun wird es endlich Tag
in Deutschlands Gau'n die
Raben
Kyffhäusers schrei'n
und haben
Gewecket Friedrich Barbarossa
auf,
Zu schau'n des Zollernkaisers
Siegeslauf.
(Vorzutragen von einem Frauenchor)"33
- Von einem ähnlichen Stil
geprägt ist das Stück eines Karl Malzachers zur Kaiserproklamation,
in dem sich nach den letzten Worten der Kyffhäuser öffnet. Barbarossa
betritt die Szene über eine Felsentreppe und setzt Kaiser Wilhelm
seine Krone auf:
,,Die Musik intoniert: Heil
unserm Kaiser, Heil!"
Für einfachere Bühnenverhältnisse
empfiehlt der Dichter, einen Lorbeerkranz über eine Büste zu
halten.
Auch für Feiertage wie
Kaisers Geburtstag oder Sedanstag waren Stauferdramen gut zu gebrauchen
und so pflegen u. a. von Reichert (,,Der deutsche Krieg", 1870)
oder Devrient (,,Kaiser Rothbart. Phantastisches Volksschauspiel
in zwei Abtheilungen", 1889)34 die
Tradition, Hohenzollern und Hohenstaufen nebeneinander zu stellen. Bei
von Reichert heißt es beispielsweise:
,,Der Hohenzoller sieggekrönet
steigt,
Und jubelnd jeder Stamm
des deutschen Volkes
Sein Schlachtenbanner vor
dem Heldenkönig,
Dem würd'gen Erben
Barbarossa's neigt!"
1881/82 wird auf dem Kyffhäuser
der Verband der Vereine deutscher Studenten gegründet; Corps, Burschen-
und Landsmannschaften geben sich staufische Namen, wie z. B. die Tübinger
Turnerschaft Hohenstaufia (1878), die ein Verbindungshaus im neoromanischen
Stil baute, um es wie die ,,Burg einer wehrhaften deutschen Verbrüderung"wirken zu lassen35. Zur Einweihung
1902 wird ein Lied gesungen, das den Imperialismus des wilhelminischen
Kaiserreiches in eine Linie mit den ,,Rittern zu des Rotbarts Zeiten" stellt.
Das Lied steht in der Tradition
Geibels, was die Wahl des Vokabulars (,,So stehn wir für die Ehre/Mit
unsrer blanken Wehre") als auch der Metaphern betrifft:
,,Der Staufer Aar nahm einst
mit stolzen Schwingen
Den Wolkenflug zum hochgesteckten
Ziel (...)"
Abermals wird so das Wappentier
der Hohenzollern zum Symbol des Hohenstaufen (Vgl. Abb. 3).
Abb. 3: Das Kyffhäuserdenkmal.
Sammelpostkarte des Deutschen Kriegerbundes.
Am 9. März 1888 stirbt
der Kaiser des geeinten Reiches, Wilhelm I., der ,,Barbablanca".
Nun war endgültig die
Zeit reif für ein Monument auf dem Kyffhäuser, durch das man
der Erfüllung des alten Traumes von der Einheit und Größe
des Reiches gedenken konnte.
Auf Initiative eines Geheimrats
Westphal rief der Deutsche Kriegerbund alle ehemaligen deutschen Soldaten
auf, dem toten Imperator auf dem Kyffhäuser ein Denkmal zu errichten,
denn ,,durch die Gründung des neuen Reiches sei Barbarossa erlöst
worden"36.
Am 10. Mai 1892 erfolgte
die Grundsteinlegung, vier Jahre später, am 18. Juni 1896 feierte
man in Gegenwart Kaiser Wilhelms II. die Einweihung des durch seine Verbindung
zum politisch rechts stehenden ,,Kyffhäuserbund der Deutschen Landes-Kriegsverbände",
seit 1898 Dachorganisation der Kriegervereine, militant-konservativen Symbols.
Der Mythos des toten Friedrichs
Barbarossa hatte auch Wilhelm II. erreicht. Der junge Kaiser sah sich in
der Tradition des Staufen, auf seiner Palästinareise im Jahre 1898
legte er, als ein Liebhaber theatralische Effekte, sogar die Strecke Haifa-Jerusalem
in Kreuzfahrermanier zu Pferde zurück.
3.4 Die Gegenbewegung
Auf beinahe jede geschichtliche
Bewegung erfolgte früher oder später eine Gegenbewegung, so auch
im Falle des Kultes um Barbarossa und den Kyffhäuser. Satire und politsche
Karrikatur greifen das Thema auf und üben milde bis harsche Kritik
an der neuen Identifikationsgestalt Barbarossa.
So finden sich in der Zeitschrift
Kladderadatsch Zeichnungen, in denen Napoleon III. in den Kyffhäuser
gebracht wird, wo sein Bart durch den Tisch wächst (1870), oder wir
erleben einen telefonierenden Barbarossa (1897), und zu guter Letzt sieht
man den Kaiser gar mit seinen Raben unter dem Arm in Rente gehen (1871).
Von Karl Biltz stammt
das Stück ,,Der alte Barbarossa. Politische Posse mit Gesang und Tanz",
in dem der Kaiser seinen Kyffhäuser verlässt und durch Berlin
schlendert. Dort trifft er auf Anhänger und einen Dichter ,,Jambifex",
der ihm den 12. Teil seiner Hohenstaufentragödien überreicht37.
Auch muss sich der Kaiser
Kritik an seiner Italienpolitik und seinem Kreuzzugsunternehmen gefallen
lassen: ,,Wie konnten sie sich mit weit aussehenden Plänen auf Neapel
tragen (...) Und zuletzt ihre Vernunft mit einem so unsinnigen Unternehmen
wie immerhin ein Kreuzzug ist, durchgehen lassen."38
Ironisierende Texte finden
sich auch bei Wilhelm Raabe (,,Der Dräumling") oder Willibald
Alexis, der selbst ein Konradins39-Drama
geschrieben hatte und dies in seinen Lebenserinnerungen wie folgt kommentiert:
,,Es gab eine Zeit, wo unter 10 aspirierenden Dichtern wenigstens 7 den
Untergang des letzten Hohenstaufen dramatisierten (...) Auch ich habe natürlich
meinen Konradin geschrieben. Es geht oder ging wunderbar darin zu. Jeder
Aktschluß voller Ahnungen und Vorbedeutungen. Die ganze Geschichte
der Hohenstaufen war mir gelungen, auf gewisse Schicksalstage zu reduzieren.
Alles was die großen Kaiser getan und gelitten, hing an einem fatalistischen
Schnürchen, obgleich ich mich nicht mehr entsinne, ob es eine Zigeunerin
war, die dem ersten Hohenstaufen des Hauses Glück oder Unglück
vorherverkündete, weil er ihr einen Scherf abschlug!"40
Heinrich Heine, der
sich noch 1834 von der ,,lieblichen und entzückenden Sage" angetan
gezeigt hatte, verliert ein Jahrzehnt später seine ,,heilige Sehnsucht
und geheimnisvolle Hoffnung" und macht sich über Barbarossa lustig.
Der im Kyffhäuser schlafende Kaiser ist neben dem unvollendeten Kölner
Dom für Heine ein Sinnbild der deutschen Vergangenheit, gegen deren
reaktionäre Nachwirkungen sich sein literarischer Kampf in ,,Deutschland.
Ein Wintermärchen" (1844) richtet. In der Kutsche eingenickt, erscheint
ihm der Kaiser, mit dem er über die französische Revolution in
Streit gerät. Der Dichter ruft ihm entgegen:
,,Herr Rotbart - rief ich
laut - du bist
Ein altes Fabelwesen,
Geh, leg dich schlafen,
wir werden uns
Auch ohne dich erlösen."41
Heine stellt die Errungenschaften
der französischen Revolution dem ,,eigefrorenen" Zustand Deutschlands
gegenüber. Man habe sich von der Obrigkeit dazu bewegen lassen, dem
rückwärts gewandten Kult des Mittelalters und der germanischen
Vorzeit zu huldigen. Er parodiert und kritisiert zugleich das Wunschbild
seiner Zeitgenossen, indem er zu dem Schluss kommt,
,,Das Mittelalter, immerhin,
Das wahre, wie es gewesen,
Ich will es ertragen - erlöse
uns nur
Von jenem Zwitterwesen,
Von jenem Kamaschenrittertum,
Das ekelhaft ein Gemisch
ist
Von gotischem Wahn und modernem
Lug,
Das weder Fleisch noch Fisch
ist."42
1915 sehnt sich nicht nur
Julius Hart den literargeschichtlichen Augenblick herbei, ,,wo auf
der Bühne der letzte Staufe das letzte Mal vor Gott kniet."43
Die Kyffhäusersage des
späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die auf dem Höhepunkt
ihrer Bekanntheit sogar die Errichtung eines nationalen Monumentes und
die Gründung eines Kriegerbundes zur Folge hatte, basiert also letztlich
auf zwei historische Figuren des Mittelalters, einer Regionalsage und einem
Volksmärchen, das durch die Brüder Grimm popularisiert wurde,
und zeigt so, welch großen Einfluss Legenden und ihre Tradierung
auf Politik und Gesinnung der Bevölkerung ausüben können.
Gewöhnlich wird man
dazu neigen, literarische Entwicklungen und Strömungen, wie sie in
dieser Hausarbeit untersucht wurden, dem vielbeschworenen ,,Zeitgeist"zuzuschreiben. Ich denke behaupten zu können, dass am Ende der Arbeit
klar ist, wie sehr Goethe in seinem ,,Faust I." Recht behält, wo es
heißt:
,,Mein Freund, die Zeiten
der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben
Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten
heißt,
Das ist im Grund der Herren
eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln."
4 Anhang
4.1 Jacob und Wilhelm
Grimm: Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser
Von diesem Kaiser gehen viele
Sagen im Schwange. Er soll noch nicht tot sein, sondern bis zum jüngsten
Tage leben, auch kein rechter Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin
sitzt er verhohlen in dem Berg Kyffhausen und wann er hervorkommt, wird
er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der
Baum grünen und eine beßre Zeit werden. Zuweilen redet er mit
den Leuten, die in den Berg kommen, zuweilen läßt er sich auswärts
sehen. Gewöhnlich sitzt er auf der Bank an dem runden, steinernen
Tisch, hält den Kopf in der Hand und schläft, mit dem Haupt nickt
er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart ist ihm groß gewachsen,
nach einigen durch den steinernen Tisch, nach anderen um den Tisch herum,
dergestalt daß er dreimal um die Rundung reichen muß, bis zu
seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal darum.
Ein Bauer, der 1669 aus
dem Dorf Reblingen Korn nach Nordhausen fahren wollte, wurde von einem
kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte sein Korn ausschütten
und sich dafür die Säcke mit Gold füllen. Dieser sah nun
den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich.
Auch einen Schäfer
führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und fragte: fliegen
die Raben noch um den Berg?
Und auf die Bejahung des
Schäfers rief er: nun muß ich noch hundert Jahre länger
schlafen.
4.2 Friedrich Rückert:
Barbarossa
Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterirdischen Schlosse
Hält er verzaubert
sich.
Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat im Schloß verborgen
zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinab genommen
Des Reiches Herrlichkeit,
Und wird einst wiederkommen,
Mit ihr, zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt:
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Haupt ausruht.
Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug' halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum
Knaben:
Geh hin vors Schloß,
o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch
schlafen
Verzaubert hundert Jahr.
5 Verzeichnis der benutzten
Quellen und Hilfsmittel Aker, G.: Narrenschiff.
Sebastian Brant und seine Zeit. Stuttgart 1990. S. 35-50 Alker, E.: Die deutsche
Literatur im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1962. Bauer, L.: Kaiser
Barbarossa. Dichtergabe zum Kölner Dombau. Stuttgart, Tübingen
1842. Dahn, F.: Gesammelte
Werke. 2. Serie, Band 7. Leipzig o. Jahresangabe. Devrient, O.: Kaiser
Rothbart. Phantastisches Volksschauspiel in zwei Abtheilungen. Vielfach
veränderte Textausgabe. Leipzig 1889. S. V. In Sauer, Werth (1971),
S. 73 ff. Die Zeit der Staufer.
Ausstellungskatalog. Stuttgart 1977. Diez, G.: Das Bild
Friedrich Barbarossas in der Hohenstaufendichtung des 19. Jahrhunderts.
Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Nationalbewegung. Diss. Freiburg
1943. Druvius, U.: Propreußische
Propaganda. Zu Emanuel Geibels Herrscherlob ,,An König Wilhelm". In:
Häntzschel 1983, S. 346-356. Eberhard, H.: Die
Kyffhäuserburgen in Geschichte und Sage. BDLG 96 (1960). S. 66-103. Geibel, E.: Ausgewählte
Werke. Hrsg. von M. Mendheim. Band I: Gedichte. Leipzig o. Jahresangabe. Geibel, E.: Gedichte.
47. Auflage. Stuttgart 1874. S. 156 f. Geibel, E.: Gesammelte
Werke. Stuttgart 1888. Bd. 1, S. 204-207. Graus, F.: Lebendige
Vergangenheit. Überlieferung im Mittelalter und in den Vorstellungen
vom Mittelalter. Köln Wien 1975. S. 338-367. Häntzschel,
G. (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Bd. 4. Stuttgart 1983. Heine, H.: Gesammelte
Werke. Hrsg. v. G. Karpeter. Leipzig o. J., Bd. 2. S. 190-192 (Deutschland,
ein Wintermärchen) und 210-217. Hinck, W.: Epigonendichtung
und Nationalidee. Zur Lyrik Emanuel Geibels. ZfdPh 85, 1966. Jansen, J. und W.
Welmer: Entpolitisierung der Lyrik. Verklärung: Geibel. In: Jansen,
J. et al.: Einführung in die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.
Bd. 2, Opladen 1984. S. 116-131. Kinder, H. und W.
Hilgemann: Atlas zur Weltgeschichte. München, Zürich 1982. Lexikon des Mittelalters.
Hrsg. von Bautier. Bd. 5, München, Zürich 1991, S. 1595. Mittelalterrezeption.
Ein Symposium. Hrsg. von P. Wapnewski. Stuttgart 1986. Rückert, F.:
Gesammelte Poetische Werke. Frankfurt/Main 1843. Neue Ausgabe 1882. S.
108 f., 261 f. Sauer, K. und G.
Werth: Lorbeer und Palme. Patriotismus in deutschen Festspielen. München
1971. Schneider, W.: Die
Sieger: Wodurch Genies, Phantasten und Verbrecher berühmt geworden
sind. Hamburg 1992. Von Reichert, O.:
Der deutsche Krieg 1870. Melodram. Amberg 1871. S. 13. In: Sauer/Werth
(1971). Weigend, F., B. M.
Baumuk und T. Brune: Keine Ruhe im Kyffhäuser. Das Nachleben der Staufer.
Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte. Stuttgart/Aalen 1978.
1
Das Kyffhäuserdenkmal konnte ich auf einer Exkursion im Jahre 1991
selbst besichtigen.
2
In: Schneider 1992, S. 200.
3
Schneider 1992, S. 199.
4
Ebenda, S. 200.
5
Graus (1975), S. 339.
6
Weigend et al. 1978, S. 37 ff., Aker 1990, S. 35.
7
Graus 1975, S 340, Aker 1990, S. 35 u. 38.
8
Aker 1990, S. 34.
9
Ebenda, S. 39.
10
Graus 1975, S. 340.
11
Aker 1990, S. 37.
12
Weitere Beispiele für vermeintlich zurückgekehrte Friedriche
sind ein elsässischer Eremit namens Heinrich sowie ein ,,Esslinger
Falschmünzer".
13
Aker 1990, S. 38.
14
Ebenda, S. 42.
15
Graus 1975, 342.
16
Einheimische erzählen, das Blut der Bauern sei in Bächen den
Berg heruntergelaufen. Hierbei handelt es sich um ein gutes Beispiel für
- moderne - Legendenbildung, deren Wurzeln vor allem in den zu DDR-Zeiten
schlecht ausgebauten Wegen zum Panorama liegen dürften. Das Panorama
erschloß sich noch 1991 vor allem über ausgetretene Pfade, die
den Berg hinaufführten und so an ausgetrocknete Rinnsale erinnerten.
Lediglich für den zur Einweihung erschienenen DDR-Ministerpräsidenten
Stoph war seinerzeit ein Weg angelegt worden - zwischen dem Panorama und
der Hubschrauber-Landestelle.
17
Graus 1975, S. 341, Aker 1990, S. 41.
18
Graus 1975, S. 343.
19
Bd. 5, 1991, S. 1595.
20
Weigend et al. 1978, S. 38.
21
Beide Texte befinden sich im Anhang dieser Hausarbeit.
22
Geibel (1874), S. 156 f.
23
Alker 1962, S. 418.
24
Vgl. Hinck (1966). Alker (1962), S. 420, spricht von ,,gelegentlich altjüngferlich"sich gebenden Gedichten.
25
Weigend et al. 1978, S. 47.
26
Ebenda, S. 55.
27
Graus 1975, S. 349.
28
Weigend et al. 1978, S. 58.
29
Ebenda, S. 62 f.
30
Ebenda, S. 63.
31
Dahn o. J., S. 648.
32
Weigend et al. 1978, S. 60 f.
33
Ebenda., S. 63.
34
In: Sauer, Werth 1971, S. 70 ff.
35
Weigend et al. 1978, S. 50.
36
Graus 1975, S. 348 f.
37
Weigend et al. 1978, S. 47.
38
Ebenda, S. 60.
39
Letzter Stauferkönig, von den Anjous der päpstlich-französischen
Partei 1268 in Neapel hingerichtet. Die Auslöschung des Staufergeschlechts
wurde in unzähligen Konradins-Stücken literarisch verarbeitet.
40
Weigend et al. 1978, S. 47 f.
41
Graus 1975, S. 346.
42
Weigend et al. 1978, S. 52 f.
43
Ebenda, S. 48.
Die Geschenkidee: Antworten, bevor Schüler fragen!